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hubert blanz
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Aigner, Claudia: Das bessere Leben wohnt hier nicht mehr. Galerie Reinthaler: Einzelausstellung
In Search of Radiant Cities In: Wiener Zeitung online, Wien, 21.12.2022
Hubert Blanz: Das bessere Leben wohnt hier nicht mehr
Seine Fotocollagen in der Galerie Reinthaler dekonstruieren die Stadt zu Mustern
und schauen
den Häusern aufs Dach.
Da hat einer die Vorstädte und Randbezirke von Paris durchsucht. Und wonach? Jedenfalls nicht nach
einem Parkplatz. (Schließlich war er zu Fuß unterwegs, der Hubert Blanz.) Aber nach etwas, das zufällig ebenfalls mit einem P beginnt: nach der Postmoderne. Und die hat
bekanntlich nix mit dem Versenden von Paketen und Briefen zu tun. "Post" ist
vielmehr Lateinisch und bedeutet "nach", "hinter". Wie in "Postapokalypse". So
weit sind wir freilich noch nicht. Die Apokalypse hat grad erst angefangen. (Wenn überhaupt.) Und in der Baukunst hat diese ominöse Nachmoderne eben zu einem eklektizistischen Stilmix geführt.
Jäger der verlorenen Wohnträume
"In Search of Radiant Cities" – hm, auf der Suche nach den strahlenden Städten? Ich hab gedacht: nach der Postmoderne. Andererseits schließt das eine das andere doch nicht unbedingt aus, oder? Klingt wie ein
Abenteuerfilm, wo ein Action-Archäologe mit Hut und Peitsche eine Expedition zu einem mythischen, längst von irgendeinem Urwald gefressenen Ort unternimmt. Nur, dass das der Titel
einer Ausstellung voller höchst komplexer digitaler Collagen ist und der Urheber von Letzteren sich im
sogenannten
Großstadtdschungel herumgetrieben hat (mit dem Fotoapparat und diversen Objektiven – Weitwinkel, Tele . . .). Als Jäger der verlorenen Träume. Wohnträume.
Das bessere Leben wohnt hier nämlich nimmer. In den Planstädten, den "Villes nouvelles", rund um die französische Metropole. Hat es womöglich auch nie. (Metropole, das ist übrigens nicht das Fremdwort für: Stadt mit U-Bahn, mit Metro.) Heute sind die in den 1960er Jahren
ambitioniert und hoffnungsfroh entworfenen "Neuen Städte" ja vorwiegend Migranten-Ghettos und soziale Brennpunkte. Die dereinst
imaginierte glänzende Zukunft ist ermattet, die futuristische Utopie in einer desillusionierten
Gegenwart angekommen.
Blanz, in Wien lebender Deutscher (1969 in Bad Hindelang geboren), der an der
Angewandten studiert hat, hat nun diese Vorortsiedlungen ("Oft hat man nur
einen Bahnhof und sehr große Wohneinheiten gebaut") und hat die Banlieues be- und untersucht, sich die
bewohnbaren Visionen und imposanten Ensembles angeschaut. Wie beispielsweise
das theatralisch monumentale "Versailles fürs Volk" in Noisy-le-Grand, also die Espaces d’Abraxas (viel Drama und Antike) des heuer im Jänner verstorbenen katalanischen Architekten Ricardo Bofill, die mehrfach als
Filmkulisse gedient haben ("Brazil", "Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2" . . .).
Der frühe Vogel frisst die Postmoderne
Tausende Fotos hat er geschossen, der Blanz, bei der systematischen Begehung der
fremden Lebensräume an der Peripherie. Hat Feldforschung betrieben. Obwohl es "schon gefährlich" ist, wie er meint, "wenn man da reingeht und mit der Kamera herumläuft". Drum ist er zum Frühaufsteher geworden, ist um vier aufgestanden (Frühling war’s) und losgezogen. Damit er ungestört ist. Um am Ende selber zum Stadtplaner zu werden, zu einem dekonstruktivistischen, einem, der alles
zerlegt und neu zusammensetzt.
Aus seinen Bausteinen, den vorzugsweise postmodernen Fragmenten, bastelt er im dekorativsten Sinne des Wortes Musterstädte, erschafft multiperspektivische Räume, Ballungsräume, neue Wirklich- und Räumlichkeiten, in denen kein Oben und Unten mehr existiert und die Gravitation
teilweise außer Kraft gesetzt ist (außer Schwerkraft). Das Dokumentarmaterial löst sich in der verwirrenden Schönheit dieser kaleidoskopartigen Ornamente schlichtweg auf, während das Gegenständliche ins Abstrakte kippt, in die Geometrie.
Das Institut du monde arabe (Institut der arabischen Welt) im fünften Pariser Arrondissement wird mit seinen markanten Irisblenden, die den
Einfall des Sonnenlichts regulieren sollen, zu einem geradezu sakralen
Interieur umgedeutet, zum gigantischen Deckengewölbe einer Kathedrale, anderswo wird die Pyramidenform vom Komplex Les Pyramides
in Évry aufgegriffen und dem Blick ein roter Teppich ausgerollt, in den die zerstückelte geziegelte Bischofskirche aus demselben Évry hineinverwoben worden ist. Es wird fleißig kopiert und gespiegelt und die Symmetrie von Schlossanlagen zitiert, um den
Gedanken noch einmal zu verdeutlichen, dass der Souverän (und das ist in einer Demokratie halt das Volk) in einem Palast residiert.
Voller Menschen und trotzdem unmenschlich
Mehrere Monate sitzt der Künstler an so einer sukzessive wachsenden Fotocollage, übersiedelt quasi in sie hinein. ("Ich wohne hier ja auch ein bisschen.") Eines
der Fenster ist witzigerweise tatsächlich seins. Bzw. war es das während seines Paris-Aufenthalts. Und wenn man ganz genau hinsieht (am besten mit
der Lupe), kann man ihn sogar hinter der Scheibe erkennen. Nein, selbstverständlich nicht. Denn wie sollte er gleichzeitig unten auf der Straße stehen und sich dabei fotografieren, wie er aus dem Fenster blickt und sich
selber bei der Arbeit beobachtet, bei der Feldarbeit?
Großstädte: voller Menschen und trotzdem irgendwie unmenschlich. Sind die Bilder
eigentlich menschenleer? Blanz: "Im Detail nicht." Würde man sie größer aufziehen (und sie sind "extrem scharf"), würde angeblich da und dort plötzlich jemand am Balkon auftauchen. Außerdem: "Um diese Uhrzeit sind natürlich wenig Menschen drauf." Stimmt. Weil die meisten noch nicht auf sind.
"La Valeur de la vie, À la recherche des villes radieuses" nennt der Blanz seine mustergültige Serie, bei der sich der Aufwand echt gelohnt hat, und bekennt zugleich:
"Ich kann nicht Französisch. Leider." Dafür ist der Titel aber sehr . . . französisch. Und übersetzen kann er ihn mir dennoch fließend: "Der Wert des Lebens – Auf der Suche nach den strahlenden Städten."
Das Dach ist kein gutes Versteck mehr
Die andere Werkreihe, von der in der Galerie Reinthaler ein Ausschnitt gezeigt wird, ist
dagegen in der Sprache der Globalisierung betitelt, heißt: "The Fifth Face." Das fünfte Gesicht? Und wo sind die anderen vier? Na ja, vorne, hinten, rechts und
links. Ohne das fünfte wiederum würde es oben reinregnen. Weil "Face" zudem die Fassade ist. Und die fünfte Fassade? Das Dach. Flachdach.
Das nächtliche Chicago in Draufsicht. Oder nicht "das" Chicago, nicht das von allen
andern. Die Blanz-Version! Die mit den schwankenden, rauschigen Wolkenkratzern.
Zwei davon hat er selber erklommen, der Blanz. Den Sears- und den
John-Hancock-Tower. ("Um eine Stadt zu begreifen, gehen wir ja gern auf
irgendwelche Türme rauf.") Okay, wahrscheinlich ist er eh mit dem Lift gefahren.
2010 hat er das, bei Tag, bereits in New York gemacht. Hat den vom
Empire-State-Building betrachteten Big Apple dann auf einen noch größeren Apfel montiert, auf den Globus, die Weltkugel. (Das Sujet hat es damals
aufs Cover vom "New York Times Magazine" geschafft.) Und mit Chicago wollte er,
der es spannend fand, "wie sich die Stadt verändert, wenn es dunkel wird", das genaue Gegenteil machen: was Konkaves. Ein Sog
im Zentrum scheint die desorientierte Windy City nach unten zu ziehen. Chicago:
der Big Gully?
Flachdächer wären früher beliebte Verstecke gewesen, meint der Blanz. Für die Aircondition et cetera. ("Alles, was schiach war, hat man da versteckt.")
Doch das klassische urbane Flachdach wäre vom Aussterben bedroht. Seit die Dinger vom All aus beäugt werden. Von den Außerirdischen? I wo. Von Google Earth. Angeblich versuche man jetzt, sie ästhetischer zu gestalten.
Sonnenanbeterin mit zehn Buchstaben (Bikinimädc?)
Von weit, weit oben spechtelt der Blanz ja ebenso. Auf Dächer mit diesen lichthungrigen Sonnenanbeterinnen drauf. Bikinimädchen? Nein, Solarzellen. Und womit spioniert er die aus? Drohnen? Falsch.
Satelliten. Er besitzt einen Satelliten? Blödsinn. Er benutzt eine Geodatensoftware. Verwendet sie "wie einen Fotoapparat".
("Ich zoome das Gebäude heran und schieße ein Foto vom Dach.") Sauber und nuancenreich fügen sich die Paneele zu einer strengen grafischen Sinfonie aus Blau- und
Violett-Tönen (Echos des Himmels). Der Himmel schaut auf die Erde und erblickt sich
selbst, sein eigenes Spiegelbild. Respektive glotzen die Augen, die sich
hinterm Himmelblau befinden. Die, die mit Raketen hochgeschossen worden sind.
Gegenüber verschmelzen derweil Buntheit und Vielfalt asiatischer Fabriksdächer zu einer grobpixeligen abstrakten Malerei, einem malerischen digitalen
Mosaik. Als besondere Herausforderung ist dieses aus 100en Einzelaufnahmen und
-dächern zusammengepuzzelte Motiv obendrein als 1000-teiliges Puzzle erhältlich (um 34 Euro). Wahlweise in der Galerie oder im Wunderland.
Wunderland? Wie das von dieser Alice? Genau. Und um dort hinzugelangen, muss man
auch zuerst in den Kaninchenbau. Gut, man muss nicht reinkriechen und nachher
ins Bodenlose stürzen, sondern lediglich www.rabbit-hole.to eintippen, um im "Wonderland", dem
Online-Shop der Galerie, zu landen (zu wunderlanden sozusagen). Als Weihnachtsgeschenk durchaus geeignet.
Das analoge Puzzle paart sich mit dem digitalen wie in den fulminant opulenten
Fotocollagen die reale mit der virtuellen Welt.
Erschienen am: 21.12.2022
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