|
|
||||||
|
hubert blanz
|
|
|||||
|
|
||||||
|
|
||||||
|
Aigner, Claudia: Ein Sessel packt das
Sitzfleisch ein. In: Wiener Zeitung online, Wien,
26.11.2004, Quer durch Galerien
Quer durch Galerien
Ein Sessel packt das Sitzfleisch ein
Von Claudia Aigner
Bei den meisten ist es ja schon Routine
wie das Zähneputzen. Die kommen nach der Arbeit heim und
tun es einfach. Es fällt ihnen gar nicht mehr so richtig
auf, dass sie es tun. Weil sie es so nebenbei tun. Neben dem
Fernsehen, neben dem Geschirrabwaschen . . . Sie können es
nämlich schon im Schlaf. Ja, man könnte sie mitten in
der Nacht aufwecken und sie würden es mit der gleichen
Gewandtheit tun wie am Tag: wohnen. Denn Wohnen verlernt man
nicht. Wie das Fahrradfahren.
Damit freilich beim Wohnen nichts
danebengeht, also alle wirklich nur bis dorthin wohnen und
Zähne putzen, wo es ihnen zusteht, und nicht bis auf die
Straße hinaus Filzpatscherln tragen (auf Neudeutsch:
"Indoor-Slipper") oder gestrickte "Boots"
(Hüttenpatschen), haben die Architekten die Menschheit
eingepackt: in Häuser. Architektur ist streng genommen ja
wirklich Verpackungsmaterial.
Und Wohnungen sind eine geniale
Möglichkeit, die Weltbevölkerung in halbwegs
überschaubare Mengen zu portionieren wie
Frühstücksflocken in der Cornflakesschachtel.
Zugegeben, die Menschen werden nicht nach Gewicht
"abgepackt", aber mancherorts (zum Beispiel in einem
Wiener Gemeindebau) immerhin stückweise: pro Zimmer ein
Stück Mensch. Und natürlich haben Familienmenschen in
ihrem trauten Heim in der Regel mehr Bewegungsfreiheit als
fünf Frankfurter in einem handelsüblichen
Frankfurter-Würschtel-Haushalt, also eingeschweißt
in ihre beengten, hautengen Wohnverhältnisse: in ihre
Plastikfolie im Kühlregal.
Wir leben nun einmal in einer
Verpackungsgesellschaft. Unentwegt packen wir uns und unsere
käuflich erwerbbare Umgebung ein (die in
haushaltsüblichen Mengen tiefgekühlten
Gemüsefelder, unsere zu Selbstbaumöbeln zerkleinerten
Wälder usw.). Wir selber begeben uns in Schonbezüge
(Kleidung), damit wir uns nicht so schnell abnützen wie
eine Banane, der man die Privatsphäre genommen, die man
geschält hat. Und manchmal ummanteln und verschalen wir
bloß einzelne Körperteile. Ein Sessel ist die
körperbetonte Verpackung fürs Sitzfleisch. Und weil
dem so ist (und weil der Verdacht besteht, dass Särge,
diese Hüllen des posthumen Menschen, und Brillenetuis die
selben Designer haben), so ist es doch nur folgerichtig, dass
jetzt jemand das architektonische Potenzial vom Styropor
deutlich erkannt hat.
Galerie Lindner: Die Hardware des
Zusammenlebens
Hubert Blanz hat uns schließlich
schon gezeigt (in Foto- und Videoarbeiten), wo die Bits und
Bytes leben: in der Urbanität der Computerplatinen. Dort,
auf den dünnen Plättchen, auf denen die
elektronischen Bauteile nach einem geradezu
großstädtischen Bebauungsplan befestigt sind, hausen
sie in Chips und anderen Domizilen. Weil der technisch
physikalische Teil der Datenverarbeitung frappierende
Ähnlichkeiten mit der Hardware des menschlichen
Zusammenlebens hat (mit den Beton- und Asphaltarrangements,
kurz: den Städten). Doch das stadtplanerische Interesse
des Herrn Blanz war damit noch lange nicht erlahmt.
Um Transportschäden vorzubeugen,
benutzt der Mensch für sich selber Sicherheitsgurte und
Kindersitze, Elektrogeräte bevorzugen
maßgeschneidertes Styropor. In Panoramafotos von
Tongruben und anderen eher unbewohnbaren Gefilden hat Blanz nun
Styropor wie bizarre, sprich moderne Architektur
"angesiedelt" (bis 3. Dezember beim Lindner,
Schmalzhofgasse 13). Es gibt da freilich keine Infrastruktur,
keine Straßen, nicht einmal Handymasten. Alles sieht so
endzeitlich aus, als wäre die Garantie für die
CD-Player, Eierkocher etc., die dort einmal drin gewesen sind,
schon seit Jahrzehnten abgelaufen.
Diese blickdichten, weil fensterlosen
Behausungen von Konsumgütern schwimmen sogar surreal auf
Lagunenwasser von Venedig, also auf dem Wasserspiegel jener
Stadt, wo sich die Wünschelrutengänger besonders
schwer tun, den idealen Schlafplatz zu finden, unter dem sich
keine Wasserader befindet. Auch den Venezianern war der feste
Boden als Baugrund nicht genug und sie haben auch noch das
Wasser verbauen müssen. Blanz hat halt schon vorsorglich
die passenden Geisterstädte geplant für die
Verbrauchergesellschaft, die die Erde bis zum letzten
Nährstoff und letzten Grashalm konsumiert und sich
irgendwann auch mit Hilfe der globalen Erwärmung und der
schmelzenden Polkappen mindestens nasse Füße holen
wird.
...
|
|
|||||
|
|
||||||
|
|
||||||
|
|
|
|
|
|
|
|