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Urban Codes – Lichtdiagramme
C-Print auf Dibond, entspiegeltes Glas gerahmt, Hubert Blanz, 2013-2018
Landgänge – Digitale Matrix
Annette Südbeck
In seiner siebenteiligen Werkserie Urban Codes – Lichtdiagramme (2013–2018) beispielsweise kombiniert er jeweils hunderte von Aufnahmen von Büro-Hochhäusern in Downtown Chicago, die er über Monate hinweg auf gezielten nächtlichen Stadtspaziergängen geschossen hat. Die Belichtung der Fotos wählte er derart, dass die Hausfassaden weitgehend im Dunkeln verschwinden, während die hellen Fenster im Kontrast dazu stark hervortreten. Der Standpunkt des
Fotografen auf der Straße mit dem Blick nach oben auf die Gebäudefassade bedingt die spezifischen Bildausschnitte und Einblicke in die Innenräume. Die gewählten Perspektiven zeigen die Decken der Büros mit den typischen Neonröhren, vereinzelt zeichnen sich Menschen vor den Fenstern ab, noch häufiger ist allerdings nur der Schattenriss des Fensterrahmens vor den
erleuchteten Fensterflächen zu sehen. Für die Diagramme werden die einzelnen Fotografien dann aneinander und übereinander gereiht und zu großflächigen, lebendigen Strukturen verdichtet. Der Rhythmus der hellen und dunklen
Fenster verweist unmittelbar auf die An- und Abwesenheit der arbeitenden
Menschen in den Büros, auf die Regeln der Arbeitswelt ebenso wie auf die flirrende Unruhe und
Lebendigkeit einer Stadt, die niemals schläft.
Die alltägliche Materialität der dargestellten Fenster verkörpert eine unmittelbare Erfahrungsqualität, aus der sich ein großes Bedeutungsspektrum ableiten lässt. Die volle Komplexität der künstlerischen Strategie offenbart sich allerdings erst, wenn man beachtet, wie
Blanz diese Rückkoppelung an die Realität in die Dynamik des Rasters einbettet. Bei der Konstruktion des Rasters und
seines spannungsgeladenen Zusammenspiels mit dem dokumentierten Detailreichtum
verfolgt der Künstler beim
Lichtdiagramm 01 ein besonderes Kompositionsprinzip, das er selbst mit den folgenden Worten erklärt:
„Generell habe ich bei dieser Arbeit versucht, sehr reduziert und in Anlehnung an
Mies van der Rohe (Less is More/Weniger ist mehr) die Montage aus nur zwei
Elementen zu bauen: Dem Strich und dem Punkt, zwei grundlegende Elemente der
Codierung.“
Durch die Form der Addition der Motive rückt auch die Akkumulation der Datenmenge ins Zentrum der Wahrnehmung. Die Reihen
der an- und ausgeschalteten Lichter lassen sich als eine visuelle Analogie zu
jenem Code lesen, der nicht nur die Funktionalität der Stadt, sondern darüber hinaus die unseres ganzen gegenwärtigen Lebens garantiert. Es ist die Intention des Künstlers, nicht nur mit digitalen Mitteln zu arbeiten, sondern die digitale
Matrix unserer Welt in seiner Bildsprache auch explizit sichtbar zu machen.
Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Fotocollagen. Blanz macht sich die Authentizitätsbehauptung der Fotografie zunutze und führt damit die Idee der Realität ein, nur um uns dann zu zeigen, dass das Reale sich als Teil der digitalen
Welt manifestiert und längst untrennbar mit dieser verbunden ist.
Abstract von Annette Südbeck aus: Landgänge In: Hubert Blanz – Auf der Suche nach den strahlenden Städten, ab S. 46, VfmK Verlag für moderne Kunst, 2022.
DAS GLÜCK LIEGT AUF DER STRASSE – Der urbane Raum
Petra Noll
In den hier ausgestellten Fotografien beschäftigt sich Hubert Blanz mit dem Lebensraum ‚Großstadt’ sowie mit den urbanen Systemen und Architekturen, mit denen das Leben für Massen von Menschen organisiert wird. Die Bilder sind gleichermaßen von seiner Faszination an der funktionalen und gestalterischen Potenz von Städten wie auch von dem Verweis auf Missstände urbaner Strukturen geprägt. In der Serie Roadshow hat er Screenshots von Satellitenbildern realer Straßennetzwerke, Verkehrsknotenpunkte und Brücken in verschiedenen Städten gemacht und 100e Bilder – bewusst verdreht und verschoben – Schicht für Schicht zu irritierenden, tiefenräumlichen Labyrinthen „gebaut“. Die Straßen dominieren den Raum, aber sie sind uneffektiv, denn sie sind nicht
miteinander verbunden, sie laufen ins Nichts. Es wird ein visionäres Bild einer möglichen Entwicklung von Stadt gegeben, in der die Orientierung schwer werden könnte.
The Fifth Face 02, Teil einer Serie, basiert auf Fotos aus verschiedenen Perspektiven, die 2012
in Chicago von Aussichtplattformen gemacht wurden. Sie verweisen nicht nur auf
die aktuelle Überwachungsproblematik, sondern auch auf den Raummangel in Megacities: Die „Fünfte Fassade“, das Flachdach, gewinnt als zusätzlich nutzbarer Raum zunehmend an Bedeutung. Das auf dem Foto auszumachende Häuser-Chaos und die Menschenleere lassen an ein urbanes Endzeitszenario denken. – Zu Fuß und über mehrere Monate ist im nächtlichen Chicago die Serie Urban Codes entstanden, in der Blanz sich mit Licht beschäftigt, einem der signifikantesten Elemente von Stadt. In jeweils einem Foto hat
er zahlreiche beleuchtete Büro-Wolkenkratzer miteinander kombiniert. Entstanden ist ein überwältigendes rasterartiges Lichtgefüge, in dem dennoch jedes Gebäude eine individuelle Ausstrahlung hat, die durch eine Art Lichtcode entschlüsselt zu werden scheint.
Petra Noll zur Ausstellung Das Glück liegt auf der Straße – Der urbane Raum, Galerie im Stadtmuseum Neuötting, DE, 2015
Hubert Blanz
Ruth Horak
Hubert Blanz ist der Science Fiction Autor der österreichischen Fotografie. Die ersten Digital Surroundings waren schon 2001 im früher als „Volpinum“ geführten Foto-Raum zu sehen. Leiterplatten simulierten damals die Satellitenblicke
auf mögliche Großstädte, elektronische Bauteile ersetzten die realen Baukörper und Hubschrauber knatterten durch die Luft. Seither baut Hubert Blanz an
einem hyperrealen Universum: Trabantenstädte aus Polystyrol (Frigolite Elemente), deren karges Umland den Eindruck verstärkte, dass längst jedes Leben aus ihnen getilgt sein müsse, oder auf unüberschaubar vielen Ebenen geschichtete Flughafenpisten oder auf ebenso vielen
Etagen geführte Autobahnkreuzungen, die auf eine senkrechte Stadtanlage schließen lassen, wie die von Zion, der Stadt der Widerstandskämpfer in „The Matrix“ 1).
Aus dem Netz und aus der Digitalkamera – die Vorgehensweise, Fotos zu akkumulieren, scheint die logische Konsequenz aus
einem unbeschränkt zur Verfügung stehenden Bildarchiv zu sein. Angesichts der ähnlich überwältigenden Menge an Büchern, hat Jorge Luis Borges 1941 die totale Bibliothek skizziert, die alle
jemals veröffentlichten Bücher in allen Sprachen versammeln würde. Am Ende dieses phantastischen Entwurfs hat er sich auf eine Gegenmeinung
besonnen, die zu bedenken gab, dass anstelle einer unendlichen Folge von Räumen auch „ein Buch aus einer unendlichen Zahl an unendlich dünnen Blättern“ 2) alles erfassen könnte, das jemals geschrieben wurde 3). Auf die Fotografie übertragen liegen auch bei Hubert Blanz oft hunderte freigestellte Einzelbilder
Schicht für Schicht übereinander und kulminieren so zu virtuellen Territorien mit einen höchstmöglichen Grad an Intensität. Sie sind so dicht gepackt, dass die Explosion nicht weit scheint, und formal
auch etwa bei
Virgina Sun eintritt.
Eine gewisse Unrast ist allgegenwärtig, wenn Hubert Blanz über Wochen sämtliche Autobahnbrücken Wiens fotografiert oder über drei Monate hinweg die Straßen Manhattans vom Finanzdistrikt bis zur 115. Straße Haus für Haus abschreitet 4), um die steilen Blicke hinauf, entlang der
Wolkenkratzerfassaden, zu sammeln. Oder zuletzt Chicago: Die Gitterstruktur der
Stahlskelettbauten, die Fensterteilungen – der unermüdliche Blick sammelt die strukturellen Module der Stadt, die Raster, die über ihr liegen, die
Urban Codes, die bei Nacht von den beleuchteten Büroräumen ausgeschickt werden. Für The Fifth Face (2012) greift Hubert Blanz den Blick von oben auf, wie er uns über Satellitenaufnahmen mittlerweile geläufig ist: eine digitale Collage aus Dachansichten vom Willis-Tower 5) und dem
John-Hancock-Center fotografiert, entsteht. Währenddessen ist der nächste ungewöhnliche Blick auf eine wieder andere Metropole, diesmal London, bereits in
Planung, nämlich „die Großstadt von hinten“ mit den fensterlosen Stirnwänden sämtlicher London Boroughs.
Fiction überzeichnet immer: die denkbaren Entwicklungen der Zukunft, die fortschreitende
Metropolisierung, die Überwachungsinstanzen, die gesamtheitliche Aufzeichnung unserer
Lebensgewohnheiten etc. sind immer vage, aber doch an der Gegenwart orientiert
und vom Jetzt abgeleitet, angeregt von der Verfolgung unserer Interessen im
Netz, von einem Leben vor dem Rechner, auf Flugplätzen, in Gängen, in Liften zwischen den Stockwerken, in Bürogebäuden bei Nacht, gesehen aus der Sicht von Satelliten oder Landkarten, die Städte auf ihre Aufsichten und Straßennamen reduzieren. Alles Material, das Hubert Blanz verarbeitet, reflektiert
jene Systeme, die dem Mensch als Refugium geboten werden, die sein Leben
organisieren. Aber alles ist menschenleer, obwohl für eine Masse an Menschen ausgerichtet. Und im Roman würde an dieser Stelle die Absicht der Systemüberwacher offen gelegt werden: „Abigail, du weißt genau, dass alle Probleme der Menschheit darauf hinweisen, dass es zu viele Körper gibt, die alle möglichen Bedürfnisse entwickeln. Jede Rationalisierung auf diesem Gebiet ist also zu begrüßen.“ 6)
1) The Matrix, 1999, Regie: Wachowski-Geschwister.
2) Jorge Luis Borges, Die Bibliothek von Babel.
In: Fiktionen Erzählungen 1939–1944, Fischer Taschenbuch Verlag 1992, S. 76.
3) 2002 haben sich Sergey Brin und Larry Page gefragt, wie lange es wohl dauernd
würde, alle Bücher dieser Welt zu scannen –2012 konnte googlebooks angeblich die 20 Millionen Marke überschreiten.
4) Siehe dazu Helmut Weihsmann, Verloren im Zwischenraum.
In: Hubert Blanz Slideshow, SpringerWienNewYork, 2009, S. 84.
5) vormals Sears-Tower.
6) David G. Compton, Das elektrische Krokodil, Heyne Verlag, 1982 (engl. Originalausgabe 1970), S. 52.
Ruth Horak zur Einzelausstellung Urban Codes im Foto-Raum, Wien, 2013
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