hubert blanz

The Fifth Face
C-Print, Diasec auf Dibond, 117 x 135 cm, Hubert Blanz, 2010-2021


KUNST DER VERÄNDERUNG

Christoph Thun-Hohenstein

Jede Moderne erfordert eine grundlegende Neuorientierung, und für diese Neuorientierung braucht es nicht nur einen ganzheitlichen Blick, sondern auch visionäre Impulse von Künstler:innen und Kreativen. Die Einbeziehung der bildenden Kunst ist schon deshalb wichtig, weil sie mit anderen Methoden arbeitet und völlig andere Vorstellungsräume eröffnet als angewandte Sparten wie Design und Architektur. Hubert Blanz arbeitet an der Schnittstelle zwischen auf die Spitze getriebener menschlicher Zivilisation und kühl kalkulierender Digitalisierung. Viele seiner Arbeiten sind ohne Digitalisierung kaum vorstellbar, aber auch diesen gelingt es, den – zunehmend unseren Alltag beherrschenden – digital-maschinellen Komplex zu überwinden und jenseits digitaler Grenzen aussagekräftig zu werden.

Ein vielleicht noch wichtigerer Aspekt ist die Faszination, die das in seinen Werken Abgebildete (oder präziser: von ihm Zusammengesetzte) auf den Künstler auszuüben scheint. Dies lässt sich an seiner fortlaufenden Serie von Arbeiten mit dem Titel The Fifth Face gut beobachten. So ist das jüngst fertiggestellte Bild The Fifth Face 03 ein von den beiden „Observation Decks“ Willis Tower (vormals Sears Tower) und John Hancock Center ausgehender konkaver Blick hinein in die erleuchtete Nacht Chicagos. Als jemand, der diese beiden Aussichtsplattformen selbst besucht hat, kann ich die Faszination dieses Blicks von oben auf urbane Zivilisation nachvollziehen. Blanz treibt die Faszination aber weiter, indem er in der nächtlichen Beleuchtung die Verkehrslinien und Versorgungsadern einer Weltstadt sichtbar werden lässt – in den Worten des Künstlers „eine andere Struktur, die bei Tage oftmals im Verborgenen bleibt“. Bei den beiden aktuellsten Arbeiten dieser Serie geht es wieder um den Blick von oben. In der digitalen Collage von The Fifth Face 04 sind es Dächer von großen industriellen Produktionshallen und Fertigungsanlagen in Ostasien und Südostasien, da Fabriksdächer dort in den Augen des Künstlers in ihrer Dichte und Vielfalt wesentlich interessanter gestaltet sind und möglicherweise auch auf dieser Ebene die Produktionsverlagerung in den asiatischen Raum sichtbarmachen. In der tintenblauen, grafisch geometrischen Struktur von The Fifth Face 05 spiegelt sich dagegen der Himmel in den Photovoltaik- und Solaranlagen dieser Erde, die man besonders häufig auf US-amerikanischen und europäischen Dächern findet. Wieder ist die Faszination, die diese Dächer auf Hubert Blanz ausüben, spürbar, und wie bei The Fifth Face 03 ist es auch für Betrachter:innen schwer, sich ihr zu entziehen.
 
Verherrlicht Blanz damit Großstädte und globale industrielle Produktion? Oder im Gegenteil: Kritisiert er den – trotz aller Verdichtung – enormen CO2-Abdruck solcher Metropolen, die auch in der Nacht nicht zur Ruhe kommen und hohe Lichtverschmutzung erzeugen? Und geißelt er die Massenkonsumerzeugung einer zügellosen fossilen Industriegesellschaft? Nichts von beidem: Blanz‘ Bilder dieser und anderer Serien sind weder Huldigungen noch plumpe Kritik. Seine digital-affine Faszination für das Dargestellte schafft etwas völlig anderes – Ambivalenz. Wir staunen über die Qualität der digitalen Collage und die schier unendliche Menge in ihr verwendeten Fotomaterials und fragen uns, was der Künstler uns jenseits aller digitalen Fingerfertigkeit und fotografischen Kreativität damit sagen will. Und plötzlich lösen diese Bilder etwas in uns aus, und wir begreifen, was es ist. Die von ihnen ausgehende Ambivalenz zieht uns in ein Schlüsselthema hinein und macht uns bewusst, dass wir uns viel mehr damit beschäftigen sollten – nicht zuletzt auch mit der stets mitschwingenden Frage, was wir eigentlich unter Fortschritt verstehen und welche Art von Fortschritt wir uns wünschen…


Abstract von Christoph Thun-Hohenstein aus: Kunst der Veränderung – Gedanken zum Werk von Hubert Blanz
In: Hubert Blanz – Auf der Suche nach den strahlenden Städten, S. 6–11, VfmK Verlag für moderne Kunst, 2022.




DAS GLÜCK LIEGT AUF DER STRASSE – Der urbane Raum

Petra Noll

In den hier ausgestellten Fotografien beschäftigt sich Hubert Blanz mit dem Lebensraum ‚Großstadt’ sowie mit den urbanen Systemen und Architekturen, mit denen das Leben für Massen von Menschen organisiert wird. Die Bilder sind gleichermaßen von seiner Faszination an der funktionalen und gestalterischen Potenz von Städten wie auch von dem Verweis auf Missstände urbaner Strukturen geprägt. In der Serie Roadshow hat er Screenshots von Satellitenbildern realer Straßennetzwerke, Verkehrsknotenpunkte und Brücken in verschiedenen Städten gemacht und 100e Bilder – bewusst verdreht und verschoben – Schicht für Schicht zu irritierenden, tiefenräumlichen Labyrinthen „gebaut“. Die Straßen dominieren den Raum, aber sie sind uneffektiv, denn sie sind nicht miteinander verbunden, sie laufen ins Nichts. Es wird ein visionäres Bild einer möglichen Entwicklung von Stadt gegeben, in der die Orientierung schwer werden könnte. The Fifth Face 02, Teil einer Serie, basiert auf Fotos aus verschiedenen Perspektiven, die 2012 in Chicago von Aussichtplattformen gemacht wurden. Sie verweisen nicht nur auf die aktuelle Überwachungsproblematik, sondern auch auf den Raummangel in Megacities: Die „Fünfte Fassade“, das Flachdach, gewinnt als zusätzlich nutzbarer Raum zunehmend an Bedeutung. Das auf dem Foto auszumachende Häuser-Chaos und die Menschenleere lassen an ein urbanes Endzeitszenario denken. – Zu Fuß und über mehrere Monate ist im nächtlichen Chicago die Serie Urban Codes entstanden, in der Blanz sich mit Licht beschäftigt, einem der signifikantesten Elemente von Stadt. In jeweils einem Foto hat er zahlreiche beleuchtete Büro-Wolkenkratzer miteinander kombiniert. Entstanden ist ein überwältigendes rasterartiges Lichtgefüge, in dem dennoch jedes Gebäude eine individuelle Ausstrahlung hat, die durch eine Art Lichtcode entschlüsselt zu werden scheint.


Petra Noll zur Ausstellung Das Glück liegt auf der Straße – Der urbane Raum, Galerie im Stadtmuseum Neuötting, DE, 2015




The Fifth Face – Chicago / New York

Barabara Egger

Die Vogelperspektive ist zu einem prägenden Merkmal von Hubert Blanz’ Werk geworden, sei es anhand von Originalfotografien, bearbeiteten Fotografien oder Satellitenbildern. Diese Perspektive bietet einen einzigartigen Überblick über eine Gesamtsituation und ermöglicht gleichzeitig spezifische Beobachtungen, die aufgrund der räumlichen Distanz einen Anspruch auf Objektivität erheben. In der Architektur bezeichnet die fünfte Fassade das Dach eines Gebäudes, das als fünfte Fassade konzipiert ist. Doch gerade bei Wolkenkratzern wird die fünfte Fassade in vielen Fällen hinsichtlich ihrer ästhetischen Gestaltung vernachlässigt. Historisch gesehen wurde sie vorwiegend für praktische Zwecke wie Belüftung, Heizung oder Kühlung und sogar als Parkfläche genutzt. In den letzten Jahren hat das Dach jedoch als vielseitiger und attraktiver Raum an Bedeutung gewonnen. Die fünfte Fassade wird zunehmend als luxuriöse Terrasse mit spektakulärer Aussicht, Sport- und Freizeitanlagen, Gärten und Gemüsebeete von Gourmetrestaurants gestaltet. In vielen Städten herrscht in Bezug auf die fünfte Fassade ein Widerspruch zwischen Vernachlässigung und Luxus.

Diese Räume können aufgrund ihrer erhöhten Lage mit Blick auf die Stadt vom urbanen und menschlichen Kontext abgekoppelt wirken. Die Vogelperspektive verzerrt die Sicht und distanziert den Fotografen von seinen Motiven. Hubert Blanz hat versucht, dieses Gefühl in seinen Bildern einzufangen, indem er den Effekt nachbildete und verstärkte. Blanz, der Zugang zu luxuriösen Räumen hatte, richtete seine Linse aus verschiedenen Perspektiven auf die vernachlässigten Viertel des gehobenen Bürgertums von Chicago.

Durch die Kombination einzelner Bilder zu einer Collage (The Fifth Face 02) schafft Blanz eine neue Sicht auf die Stadt – eine Sicht ohne einheitliche Perspektive, die an die Bildsprache des Kubismus erinnert. Blanz produzierte The Fifth Face 02 während eines Stipendiums in Chicago. Sowohl die Methodik als auch die Thematik dieses Projekts haben seine späteren Arbeiten maßgeblich beeinflusst, und wir können die Fortführung dieser Themen in seiner Londoner Serie Homeseekers erkennen.


Barabara Egger zur Einzelausstellung Homeseekers, Austrian Cultural Forum London, 2013
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