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hubert blanz
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Roadshow
C-Print, Diasec auf Aluminium, 120 x 80 cm,
Hubert Blanz, 2007
Der Fotograf als Architekt
Erst seit ein paar Jahren haben wir als
Internetbenutzer die Möglichkeit, im Web virtuelle Reisen
in der realen Welt, zumindest in den Bildern der realen Welt,
zu machen. Beginnend mit Google Earth wurden allen
Internetbenutzern die Bilder der Kameras von Flugzeugen und
Überwachungssatelliten und damit der zoomende Blick von
oben auf die Welt zugänglich. Was zuvor nur das
Militär und die Geheimdienste oder, in beschränktem
Rahmen, Menschen, die flogen, sehen konnten, ist seitdem zu
einem neuen Blick auf die Welt geworden, der auch die
Wahrnehmung von Architektur und Stadt verändert.
Der zielgenaue Sturz von großer
Höhe auf einen Ort, der immer näher herangezoomt
wird, hat sich schnell als Geste etwa in Nachrichten und Filmen
durchgesetzt. Wir lernen damit auch eine Orientierung, weg von
den schematischen Karten hin zum Flug über die Orte und
zum Eintauchen in die dreidimensionalen Darstellungen von
Städten und Landschaften. Schon die Art der Fortbewegung
im virtuellen Raum fasziniert und wird im Übrigen auch von
Architektursimulationen ausgebeutet, in denen man durch die
Räume und durch Mauern schwebt, die erst noch gebaut
werden sollen. Der Traum vom Fliegen, von der schwerelosen
Bewegung, vom gewichtlosen Körper, vom Dasein als Engel
fasziniert.
Mit den navigierbaren Flugzeug- und
Satellitenbildern erschließt sich uns eine neue
räumliche Dimension. Für die Architektur etwa wird
damit die bislang ästhetisch meist vernachlässigte
fünfte Fassade herausgehoben, die den Blicken von oben
ausgesetzt ist. Bauwerke, gerade wenn sie einladend und
attraktiv sein wollen oder müssen, wenn sie eine Marke
darstellen und Aufmerksamkeit erregen wollen, werden gezwungen
sein, die meist öden Landschaften der fünften Fassade
ebenso wie die übrigen Fassaden zu gestalten. Dazu reicht
es nicht mehr aus, einfach hoch zu bauen, Kirchtürme,
Minaretts oder Wolkenkratzer zu bauen. Durch den Blick von oben
schrumpft die vertikale Dimension, verliert sie ihre Rolle der
Erhabenheit, werden andere Strukturen bedeutsam. Und da die
Menschen mehr und mehr virtuell flanieren und Landschaften,
Siedlungen und Bauwerke erkunden werden, bevor sie, wenn
überhaupt, im realen Raum reisen, müssen sie für
den Blick von oben gestaltet und interessant gemacht, in
manchen Fällen aber vielleicht auch diesem entzogen
werden.
Wenn man virtuell reist oder flaniert und
den Raum der Weltbilder erkundet, dann verändern sich auch
die Bilder von der Welt. Bei Erkundungen im realen Raum wird
die mittlerweile meist digitale Kamera weiterhin zur
Herstellung von Lichtbildern verwendet, im virtuellen Raum
verändert sich aber auch der fotografische Blick. Man
„schießt“, wie man beispielsweise beim
„Screenshot“ sagt, immer noch Aufnahmen, aber es
wird nicht mehr belichtet, sondern es werden Pixel mit Software
kopiert und in Bildprogramme gepastet, für die sie Roh-
oder Ausgangsmaterial weiterer Bearbeitungen sind. Diese
Programme sind die immateriellen Kameras ohne optische
Objektive, mit denen Dinge und Szenen im virtuellen Bildraum
fotografiert, also erneut in Bilder verwandelt werden.
Hubert Blanz hat bereits in „digital
city“ und „Geospaces“ die Stadt mit Platinen
rekonstruiert und faszinierende Aufnahmen von den Fundamenten
dieser digitalen Städte gemacht. Sie zeigen, dass die
verdichteten Räume der digitalen und der urbanen Welt
einander in hohem Maße ähneln. Das Prinzip beider
ist, durch engmaschige und vielfältige Vernetzung und
Verbindungen zwischen den Gebäuden oder elektronischen
Bauteilen Kommunikation und Interaktion zu beschleunigen und
durch Massierung auf kleinstem Raum zu intensivieren. Daraus
entstehen hochkomplexe künstliche Architekturlandschaften
mit einer eigentümlichen Schönheit. Im nächsten
Schritt hat Blanz mit der Serie „frigolite
elemente“ die Architektur von der urbanen Infrastruktur
befreit und die mit Styropor konstruierten Bauelemente in
surrealer Manier in Landschaften verteilt, man könnte auch
sagen: sie den Landschaften ausgesetzt, von denen sie sich
ansonsten als künstliche Inseln isolieren.
Die Rekombination von Architektur wurde
schließlich mit „Four Elevators“ auf eine
neue Ebene geführt. Fotografien von Architektur zerlegt
Blanz in ihre Elemente und montiert daraus Schwindel erregende
neue Bauwerke, die es nicht gibt. Fotografie nähert sich
damit der Simulation, die aber durch ihren Fotorealismus
besticht und dem Raum eine Hyperrealität eröffnet.
Nach der isolierten Architektur nahm sich Blanz die urbane
Infrastruktur, das Netzwerk der Kreuzungen und
Autobahnbrücken, vor, um daraus auf gleiche Weise den
Blick in eine hyperreale und erhaben kalt anmutende Welt von
Verbindungen vorstoßen zu lassen, die meist im leeren
Raum zu Skulpturen gerinnen.
Für seine neuen Arbeiten
verändert Blanz in einem konsequenten weiteren Schritt
noch einmal die Perspektive und weist zugleich der Fotografie
eine neue Funktion zu. Er bereist die virtuelle Bildwelt als
digitaler Fotograf und hat hier im realen Raum Aufnahmen von
Knoten der Straßennetzwerke vieler Länder
aufgenommen – natürlich ohne einen Schritt von
seinem Computer und aus dem Reich der technischen Bilder heraus
zu machen. Wie ein Fotograf muss die Entscheidung der Auswahl
und dann die des Ausschnitts getroffen werden, die Aneignung
erfolgt über das parasitäre Copy&Paste-Verfahren,
das zum Grundbestand des Umgangs mit digitalen Informationen
gehört. Im Unterschied zur Fotografie, auch zu der mit
digitalen Kameras, fallen für Fotografen der virtuellen
Welt alle übrigen Voreinstellungen bei der Aufnahme weg,
so dass hier noch sehr viel ausschließlicher als in der
Lichtfotografie die Veränderung des Ausgangsbildes zur
eigentlichen fotografischen Tätigkeit wird.
Blanz führt daher auch konsequent eine
ganze Reihe von Manipulationen durch, um neue, noch nicht
gesehene Bilder zu erzeugen, die Schicht um Schicht durch
Copy&Paste fast wie in einem gemalten Bild aufgebaut
werden, um verwirrende, dreidimensionale Labyrinthe von
selbstähnlichen Straßen- und Brückengeflechten
der der Urbanität zugrunde liegenden Netzwerke zu bauen.
Wie schon in den vorangegangenen Arbeiten wird der Fotograf zum
Architekten eines zugleich imaginären und dokumentarisch
reproduzierten Raums aus „realen“ ikonischen
Elementen, die aus dem Blick von oben dargestellt, aber auch
gekippt, gedreht und ineinander verschoben werden. Die urbanen
Schaltkreise, auf denen die Bits oder Bytes noch irritierend in
Form eingefrorener Fahrzeuge, die dort irgendwann
tatsächlich gefahren sind, zu zirkulieren scheinen,
verbinden nichts mehr, die Datenautobahnen gerinnen zur
statischen Architektur, in der die Zeit stillsteht, die
Richtung verloren geht und der geschäftige
Informationstransport eingefroren ist. Darin erinnert sich die
Fotografie durch alle Brechungen hindurch wieder an ihren
ursprünglichen Akt, das Lebendige bei der Aufnahme zu
töten, um gleichzeitig zu bezeugen, dass da etwas da
gewesen ist.
Florian Rötzer
Erstveröffentlichung: Eikon #58,
Seiten 28-33.
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